Baden-Baden - Stiftskirche (2020)

Außen- und Innensanierung mit liturgischer Neugestaltung

 
Die Stiftskirche Liebfrauen in Baden-Baden ist ein Kulturdenkmal von landesgeschichtlich wie kunsthistorisch besonderer Bedeutung: landesgeschichtlich aufgrund ihrer Bezüge zur deutschen wie europäischen Geschichte und jener Baden-Württembergs vor allem als dritte und letzte Grablege der katholischen Linie der Markgrafen von Baden, die zahlreichen Königen und Kaisern als Feldherren dienten, kunsthistorisch vor allem im Blick auf einige Teile der Ausstattung – insbesondere das spätgotische Sakramentshaus und das 1967 vom Friedhof an der Spitalkirche hierher translozierte, 1467 von dem Bildhauers Niclas Gerhaert van Leyden geschaffene Kruzifix, das die Stelle der früheren Hochaltäre einnimmt.
 
Die erste Erwähnung der Kirche findet sich in einer Urkunde des damals 7-jährigen Königs Otto III. vom 27. August 987, die die Schenkung des Ortes samt der damals königlichen Eigenkirche an den Grafen Manegold vom Zürichgau – einen Vertrauten seiner Großmutter, der Kaiserin Adelheid – dokumentiert. Dieser Vorgang stand offenbar in Zusammenhang mit der Vorbereitung der schließlich 991 erfolgten Gründung des Grabklosters der 999 dort beigesetzten und 1097 heiliggesprochenen Adelheid (von
Burgund) im Rastatt gegenüberliegenden Sel(t)z, dessen Vogteirechte die Markgrafen von Baden infolge des staufisch-zähringischen Ausgleichs wohl ab 1098 über Jahrhunderte ausübten. Sel(t)z gehörte bis zum Rastatter Kongress 1798 zum Territorium der Markgrafschaft.
 
Nur durch wenige Notizen öffentlich bekannt und von der Denkmalpflege bis heute nicht publiziert sind die archäologischen Erkenntnisse, die im Zuge der letzten Innenrenovation 1967 gewonnen wurden. Damals entdeckte man zum einen im Marienchor Teile römischer Badeanlagen, auf deren Reste man offenbar bereits 1808 gestoßen war, als die Gruft für den damals von Koblenz nach Baden-Baden transferierten Jakob II., Erzbischof von Trier, im Hauptchor ausgehoben wurde. Außerdem wurden neben zahlreichen mittelalterlichen Bestattungen auch einige frühmittelalterliche Plattengräber im Mittelschiff vorgefunden; darunter das in situ erhaltene „Grab 1“ – auch als „Fürst(inn)engrab“ bezeichnet –, dem laut damaligem archäologischen Bericht von Dr. Hubert Krins sogar noch zwei ältere christliche Bestattungsphasen vorausgegangen waren. Benachbart dazu ein Befund, bei dem es sich um die Fundamentierung der Westfassade und die Portalschwelle der vorromanischen Kirche gehandelt haben könnte.
Auch vor diesem Hintergrund standen am Beginn der Baumaßnahmen zunächst das Studium der einschlägigen Literatur, Recherchen in verschiedenen Archiven sowie diverse Voruntersuchungen, wobei die restauratorischen schon im Jahr 2000 begonnen hatten und erste wissenschaftliche Untersuchungen zur von den unmittelbar benachbarten Thermalquellen herrührenden Feuchte- und Salzbelastung der Baukonstruktionen bereits Anfang der 1990er-Jahre initiiert worden waren.
 
Bevor allerdings die Arbeiten im Innenraum in Angriff genommen wurden, erfolgte 2020 zunächst die Außeninstandsetzung des Turmes. (Das Langhaus der Kirche war 1998 sowie der Chorbereich 2006 außen instandgesetzt worden.) Das bedeutende Geläut mit seinen neun 1948 aus „Briloner Sonderbronze“ gegossenen Glocken im Stahlglockenstuhl der 1930er-Jahre wurde auf dem Hintergrund der seit 2005 im Europäische Kompetenzzentrum für Glocken ECC-ProBell® an der Hochschule Kempten gewonnenen Erkenntnisse neu eingerichtet; die festgestellte extreme Beanspruchung insbesondere der großen Glocken wurden mit dem Einbau neuer Klöppel und der dadurch ermöglichten Verringerung der Läutewinkel auf einen Bruchteil reduziert.
 
Anlass der sich dann unmittelbar anschließenden Innenrenovation waren die – nach über 50 Jahren – starke Verschmutzung aller Oberflächen sowie die Tatsachen, dass weder der Waschbetonboden des Kirchenschiffs und der Seitenchöre noch die nachkonziliare liturgische Disposition – letztere eine sicherlich beachtliche Frucht der Zusammenarbeit des damaligen Pfarrers Clemens Weis und des Architekten Werner Groh – noch überzeugten. Außerdem waren die Beleuchtung, die elektroakustische Anlage und die gesamten Elektroinstallationen zu erneuern sowie die Heizung zu modernisieren.
Oberflächentemperaturmessungen am Boden und an den aufgehenden Baukonstruktionen, eine Thermografie und geologische Untersuchungen (im Kirchenschiff wurden vier Bohrungen angelegt, wobei vor dem Marienchor in 3 Meter Tiefe eine Temperatur von ca. 30 °C gemessen wurde) belegten die These, dass dem Kirchenraum aufgrund der benachbarten, über 60 °C warmen Thermalquellen in erheblichem Maß Wärme aus dem Untergrund zufließt. Diese Tatsache nutzend, wurde im Bereich der bisherigen Hypokaustenheizung nun eine wassergeführte Fußbodenheizung eingebaut, wobei die sich die darunter stauende Erdwärme mittels eines Ventilationssystems dem Kirchenraum zugeführt und damit genutzt werden kann.
Der großformatige Bodenbelag und die neue Stufenanlage des liturgischen Mittelpunkts aus rotem Schweinstaler Sandstein, die gereinigten Oberflächen der Ausstattung und der Sandsteinimitationsmalereien der Architekturglieder sowie die nach dem Austausch salzbelasteter Putze insgesamt neu gefassten Wand- und Gewölbeflächen erstrahlen nun im warmweißen Licht des eigens hierfür entwickelten Beleuchtungskonzepts.
 
Über die an der gesamten Ausstattung vorgenommenen konservierenden Reinigungen und Retuschen hinaus wurden am Chorgestühl teilweise Übermalungen entfernt, die die Intarsien imitierenden Fassungen bedeckten. Und auch die barocken Eichenholzoberflächen der Portale, der Emporenbrüstung und der alten Kirchenbankelemente kommen neu zur Geltung, nachdem deckende Überfassungen abgenommen wurden. Bei allen restauratorischen Arbeiten wurde mit Maß und Ziel vorgegangen, zumal es nicht darum ging, einen Idealzustand herzustellen, sondern in Relation zum überlieferten Bestand mit all seiner Geschichte die angemessenste, primär konservierende Bearbeitung auszuführen.
 
Mit den in den 1960er-Jahren aus Tropenholz gefertigten Bänken wurde ein Fremdkörper entfernt und durch in ihrer Konstruktion moderne Bänke ersetzt, die die Materialität des historischen Kirchengestühls aufnehmen. Sie sind nun auf das Mittelschiff konzentriert. Mit einem – wie alle neuen Elemente – bewusst modern gestalteten Beichtraumeinbau vor der Marienkapelle wird schließlich ein neuer Akzent gesetzt. Mit diesem korrespondieren die Windfanganlage in der Turmhalle und ein Lager am Westende des südlichen Seitenschiffs, das die Bestuhlung der Seitenschiffe aufnehmen kann. Die damit in den Seitenschiffen entstandenen Freiräume dienen zukünftig insbesondere der temporären Präsentation von Kunst, womit – neben der immer wieder neu zu feiernden Liturgie und neben anspruchsvoller Kirchenmusik – zeitgenössische Akzente eines lebendigen Glaubens an diesem geschichtsträchtigen Ort gesetzt werden können – und sollen.